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Zeitspaziergang 2. Auflage 8. Mai 2011

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Der Stadtteil lässt seine Geschichte sichtbar werden. Weitere Informationen:
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Bilder aus dem Gedächtnis

ILOS lud zum Zeitspaziergang durch die Oststadt

Zum zweiten Mal bot sich in der Planie gestern die Möglichkeit zu einer durch die Stadtteil-Geschichte: die Bürgerinitiative für eine lebenswerte Oststadt (ILOS) lud zum Zeitspaziergang.

katharina mayer
Bilder und Geschichten der Oststadt animierten die Bewohner/innen gestern zu einem Zeitspaziergang ... Bilder und Geschichten der Oststadt animierten die Bewohner/innen gestern zu einem Zeitspaziergang durch die Stadtteil-Geschichte.Bild: Haas

Reutlingen. An langen Leinen aufgefädelte Plakate machten die Geschichte der Oststadt für die Besucher buchstäblich begehbar. Geschichten und Geschichte, beides versuchen die ILOS-Organisatoren so vereinen, dass ein lebendiges Bild von Vergangenheit und Gegenwart der Oststadt entsteht.

Timeline, Zeitlinie, heißt das Konzept, nach dem die Macher vorgehen. Dabei werden historische Ereignisse und persönliche Geschichten miteinander verwoben. Aber nicht nur die Vergangenheit spielte beim Zeitspaziergang eine Rolle. Eine Mediashow mit Matthias Böning zeigte auch, was die Oststadt heute ausmacht, und die Reutlinger Autorin Sibylle Mulot las Auszüge aus ihren Werken. Kreisrätin und Mitinitiatorin Rosemarie Herrmann beschrieb bei der Eröffnung, wie die Idee, „Geschichte, Ereignisse und Menschen an einem Zeitstrahl abzubilden“ entstand. Vor gut zweieinhalb Jahren war das, am Rande des Neigschmeckt-Marktes.

Bei den Mitgliedern der Bürgerinitiative stieß die Idee „ganz spontan auf Zustimmung“. 2009 konnten die Bewohner der Oststadt dann erstmalig durch die Geschichte ihres Stadtteils spazieren. Der Wunsch nach einer Wiederholung und Erweiterung der Ausstellung war da wohl schon präsent. Also haben die Macher in den vergangenen Monaten weiter fleißig Geschichten, Erinnerungen, Bilder und Halbvergessenes zusammengetragen.

Die Attraktivität eines alten Stadtteils zeigen

„Alltagsgeschichten, die Entwicklung von Firmen und Instituten“, sagt Rosemarie Herrmann, habe man finden wollen. „Lebendige Bilder eines Stadtteils aus dem Gedächtnis der Bürger.“ Mit einem klar gesetzten Ziel: Man wolle „die Attraktivität des Stadtteils deutlich machen“ und Identifikation stiften unter jenen, die ihn bewohnen.

Wilhelm Borth, dem ehemaligen Rektor des Isolde-Kurz-Gymnasiums, um das sich auch in der Ausstellung einige Geschichten ranken, gab eine kurze Einführung in die Ausstellung. „Sie haben“, wandte er sich an die ILOS-Aktivisten, „eine Erinnerungsbörse durchgeführt: Zeitzeugen aus Fleisch und Blut, aber auch aus Stein haben Sie zum Sprechen gebracht.“ Das sei „eine Form der Traditionspflege im Dienst der Gegenwart, so hat die Geschichte einen Sitz im Leben.“

Und das gilt auch andersherum. Der Schülerstreik von 1973 oder der Einmarsch der Alliierten am Ende des Zweiten Weltkriegs findet sich in der Ausstellung ebenso wie ganz persönliche Anekdoten über Klavierstunden im Gartenhäuschen oder familiäre Ereignisse. Die Ausstellung biete nicht nur eine Chronologie seit 1820, anhand der persönlichen Geschichten der Bewohner würden „einmalige Facetten sichtbar.“

Das ehemalige Textilviertel, so Borth, sei „der wohl charakteristischste Stadtteil“ neben der Altstadt, die Ausstellung „identitätsstiftend“ und für die Bewohner durch den „Blick zurück und Blick voraus“ sicher „eine messbare Erhöhung des Wohlgefühls, gerade hier zu leben“. Zu ihrer Arbeit gratulieren wollte er den ILOS-Leuten „ohne Wenn und Aber“. Und das auch als Mitglied des Reutlinger Geschichtsvereins. Die Dokumentation zeuge „von einem höchst aktuellen und respektablen Geschichtsverständnis.“ Wenn man vom fachhistorischen Standpunkt immer alle Bedenken berücksichtigt hätte, so Borth, dann hätte man „so ein vielseitiges Panoptikum“ nie zustande gebracht.

Werner Wunderlich, selbst in der Oststadt aufgewachsen, führte am Sonntag gleich mehrfach durch die Ausstellung. Geschichten und Geschichte, das wurde schnell klar, waren nicht nur an der Timeline verankert, sondern vor allem im Gedächtnis derer, die schon lange in der Oststadt leben, deren Familiengeschichte sich hier über Generationen untrennbar mit dem Ort verbunden hat.

„So ein bisschen Spannungsgelände“ sei die Oststadt ja immer gewesen, sagt Wunderlich. Sie lag ja schließlich außerhalb der Mauern der freien Reichsstadt Reutlingen und geriet dann doch ab und an in die Spannungen zwischen Württembergern und Stadt.

Beim Zeitspaziergang selbst war von Spannungen rein gar nichts zu spüren. Die Oststadt-Bewohner/innen nutzten den sonnigen Tag als das, was er war: eine Möglichkeit, sich auszutauschen über Geschichte und Persönliches, Vergangenheit und Zukunft.

Info Der Gesamtkatalog zur Ausstellung kann für 27 Euro bei ILOS erworben werden. Ansprechpartner ist Rüdiger Weckmann, Tel. 07121-44792.

09.05.2011 - 08:30 Uhr

 

Schwäbisches Tagblatt 19.05.2009

Zeitsprung für die Oststadt


ILOS-Projektteam arbeitet die Stadtteilgeschichte auf
– für eine Schau im Juli
Einen Spaziergang durch die Zeit –
dazu lädt am Sonntag, 5. Juli, die Reutlinger Initiative lebenswerte Oststadt (ILOS) ein. Zwischen den Bäumen der Planie wird die Oststadt- Geschichte an (Time-)Leinen präsentiert. Momentan wird aber noch Material gesucht.

Die um 1870 angelegte Planie auf einer Fotografie, die wohl um die Jahrhundertwende entstanden ist. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal wurde im Jahr 1892 eingeweiht.

Reutlingen. Sie wollen das Gedächtnis ihres Stadtteils aktivieren: In der Oststadt arbeiten Aktivisten unter dem ILOS-Label an einer Timeline. Am 5. Juli wollen sie in der Planie Geschichten und Anekdoten als große begehbare Ausstellung präsentieren. An Leinen zwischen den Bäumen der Allee sollen A 3-große Tafeln hängen, auf denen die Erinnerungen festgehalten sind.

Dazu wird es historische Gegenstände zu sehen geben – vom alten Giftbuch der ehemaligen Apotheke am Burgplatz bis hin zu Exponaten aus der industriellen Hochzeit der Oststadt. „Es geht nicht um Perfektion, es geht darum, sichtbar zu machen, was die Leute erlebt haben“, erklärt Rosemarie Herrmann den Ansatz des ILOS-Projektteams.

Außer Herrmann sind Claus Roth, Matthias Böning, Sybille Höf, Hanne Haack und Frank Tugend beteiligt. Sowie, worüber sich die Gruppe freut, Ursula Schmid und Lothar Rossig. „Das sind die Türöffner für uns“, sagt Herrmann über die beiden Helfer, die schon das Rentenalter erreicht haben.

Gerade auch mit dieser Hilfe ist es den ILOS-Leuten jetzt schon gelungen, eine ganze Reihe von mehr oder weniger persönlichen Oststadt-Geschichten zu sammeln. Rosemarie Herrmann, bei der die Fäden derzeit zusammenlaufen, hütet inzwischen einen Aktenordner mit Erzählungen und Fotos.

Darin Bestandsaufnahmen vom jüdischen Leben in der Oststadt vor der Nazi-Diktatur, Geschichten aus den Reutlinger Bombennächten, Erzählungen von Flüchtlingen, Schilderungen aus der Besatzungszeit oder auch die Erinnerung an eine in den 50er-Jahren ermordete Schülerin des Isolde-Kurz-Gymnasiums (IKG). Dazu Bilder vom ehemaligen Eislaufplatz auf dem heutigen IKG-Gelände, oder auch aus der Frühzeit der „Bundeshalle“ in der Kaiserstraße.

„Es geht uns aber nicht nur um die spektakulären Sachen. Wir wollen auch den Alltag dokumentieren“, sagt Herrmann. Und ihr Mitstreiter Claus Roth sagt: „Es können sogar Einzelhinweise sein, zu denen wir noch recherchieren müssen.“ Es gehe einfach darum, plastisch zu machen, „wie es früher war und wie es sich verändert hat“.

Um die geschichtliche Entwicklung des Quartiers möglichst greifbar zu gestalten, wird der Reutlinger Stadtführer Sven Föll am 5. Juli bei „Zeitspaziergängen“ durch die Planie die Oststadtgeschichte in Beziehung zur großen Historie setzen.

Wo man Oststadt-Geschichte anliefern kann

Derzeit sucht ILOS noch nach Material von Bürgerinnen und Bürgern, aber auch Betriebe und Institutionen vor Ort. Gefragt sind Geschichten, Bilder oder auch Gegenstände aus der Oststadt. Abgeben kann man sie im Pförtnerhäuschen des Heinzelmanngeländes (Planie 22). Heute, am 19. Mai und an den Dienstagen, 9., 16. und 23. Juni, ist es zwischen 17 und 19 Uhr besetzt. Dort bieten sich die Aktivisten des Stadtteil-Projekts auch als Aufschreiber für mündliche Berichte an. Zudem hat es am Pförtnerhäuschen einen Briefkasten. Mehr Infos zum Projekt gibt es im Internet unter www.ilos.de. Ansonsten erreicht man das Projektteam über 0 71 21 / 20 68 84 oder zeitspaziergang@web.de



Text: Matthias Stelzer



Quelle: http://www.tagblatt.de/3112371
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Projekt - Ilos bereitet Freiluft-Ausstellung über die Oststadt vor und will deren Geschichte sichtbar machen

Oststadt: Einladung zum »Zeitspaziergang«

VON HEIKE KRÜGER


Wollen die Geschichte der Oststadt begehbar und sichtbar machen: die Ilos-Mitglieder (von links) Matthias Böning, Sibylle Höf, Rosemarie Herrmann und Claus Roth.
FOTO: TRINKHAUS


REUTLINGEN. Geschichte sichtbar machen - das hat sich die Initiative Lebenswerte Oststadt (Ilos) vorgenommen, die derzeit ein außergewöhnliches Projekt vorantreibt. Es trägt den Namen »Zeitspaziergang« und soll die Historie der Oststadt in Form einer Open-Air-Ausstellung dokumentieren. Anhand von Erinnerungsstücken, Anekdoten und Fotos planen die »Zeitspaziergänger« eine chronologische Schau des vom Jugendstil geprägten Quartiers zusammenzustellen - ohne freilich den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Schlaglichtartig, so die Idee, soll die Exposition das Alltagsleben von einst und heute beleuchten, sollen sich kleine und kleinste Erinnerungsschnipsel gleich Mosaiksteinchen zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Jedenfalls dann, wenn es der fünfköpfigen Arbeitsgruppe um Rosemarie Herrmann und Claus Roth gelingt, hinlänglich viele Ausstellungsgegenstände und die mit ihnen verbundenen Histörchen zu sammeln.

Emsige Vorarbeit

Monatelange emsige Vorarbeit wurde, wie Herrmann verrät, hierfür bereits geleistet. Sponsoren konnten ins Boot geholt, etliche Quellen angezapft werden. Darunter Stadtarchiv und -bibliothek, darunter aber auch zahlreiche Privatleute, die den Ausstellungsmachern in Gesprächen oder Briefen persönliches Erleben offenbaren - meist garniert mit Erinnerungs- oder Erbstücken.

So steht ein Paar Schlittschuhe beispielsweise stellvertretend für die oststädtische Jugend vor und während des Zweiten Weltkriegs. Damals, entsinnt sich die Leihgeberin, wurde der Platz bei der heutigen IKG-Turnhalle während der frostigen Jahreszeit geflutet und zur Eislaufbahn umfunktioniert. Lange Nachmittage habe sich der Nachwuchs dort getummelt - insbesondere in den »Kohleferien«.

Letztere markieren Jahre der Not in Reutlingen. »Heizmaterial«, hat Rosemarie Herrmann erfahren, »war damals knapp. Deshalb mussten die Schulen des Winters geschlossen bleiben. Denn an Unterricht war in den eiskalten Klassenräumen nicht zu denken«. Und so kam es, dass die Lehrer ihren Schülern Hausaufgaben mitgaben, die diese während der »Kohleferien« erledigen sollten. Und nach dem Fleiß zog es die Jugend aufs Eis. Was entschieden spaßiger war.

Weniger spaßig: Kriegshilfsdienste, an die sich eine andere Leihgeberin erinnert. 1944 war's, da sie als Abiturientin zwangsverpflichtet wurde. »Den ganzen Tag« saß sie über Spulen, die mit Farbe bepinselt werden mussten, was für die junge Frau frustrierend langweilig war. Und so begann die Oststädterin heimlich am Arbeitsplatz Gedichte zu schreiben.

Museale Flaniermeile

Zur Versammlung gebunden, hat sie ihre Reime jetzt der Ilos zur Verfügung gestellt. Die Öffentlichkeit kann sie dann am 5. Juli zwischen 13 und 18 Uhr in Augenschein nehmen. An diesem Sonntag wird sich der mittlere Abschnitt der Planie nämlich in eine museale Flaniermeile verwandeln und zum Zeitspaziergang für jedermann einladen.

Zwischen Kaiser- und Bismarckstraße, erläutert Ilos-Mitglied Matthias Böning das Konzept, sollen Seile gespannt werden, die einen Zeitstrahl symbolisieren, der von der Jahrhundertwende über die 1920er-, 30er-Jahre bis heute reicht und an dem die gesammelten Exponate nebst Erläuterungen zu Hängen kommen.

Doch bevor es so weit ist, hoffen die Ausstellungsmacher auf weitere Leihgeber, die zum Gelingen der Schau beitragen und diese mit persönlichen Erinnerungen, Fakten, Fotos, Briefen ... bereichern. Wer um seine Originale bangt oder sie aus anderen Gründen nicht aus der Hand geben möchte, kann trotzdem mitmachen. »Wir scannen gerne alte Fotografien ein oder lichten Erinnerungsstücke ab«, betont Böning, der mit seinem Teamkollegen - über die Ausstellung hinaus - auf eine gedruckte Dokumentation zur Alltagsgeschichte von Reutlingens Oststadt hinarbeitet. (GEA)

Beiträge gesucht
Oststädter, die sich an der Dokumentation beteiligen möchten, sind gebeten sich mit Ilos in Verbindung zu setzen - entweder persönlich am 5., 12. und 19. Mai, am 9., 14. und 23. Juni im Pförtnerhäuschen der Planie 22 oder telefonisch. Auch Mails sind willkommen. (eg)

0 71 21 / 20 68 84

zeitspaziergang@web.de